Der Brumme hat ne Meise

Ich weiß es, ihr wisst es:

Vollmeise, der Brumme.

Nüscht Neues.

Aber!

Meine Meise eskaliert gerade. Und daran will ich euch heute mal teilhaben lassen.

Tag 1: Donnerstag, 27.10.2022

Mein Arbeitszimmer ist ein Teil des ausgebauten Dachbodens, da hab ich normalerweise mehr oder weniger Ruhe und kann konzentriert daddeln. Ich meine basteln. Äh… lasern. Ärx… ARBEITEN MEINE ICH!

Aber das ist seit heute vorbei. Ich kann weder ruhig noch konzentriert arbeiten. Kennt ihr das, wenn euch jemand neugierig beim Arbeiten zuguckt? Fördert das eure Konzentration? Meine nicht. Ich kann nicht, wenn jemand zuguckt.

Und seit heute guckt jemand zu, langanhaltend und ausdauernd. Von links, von rechts, von oben, von unten. Gerne auch über Kopf.


Ich hatte mal Pflanzgefäße auf dem Fensterbrett stehen, und damit die nicht abstürzen und jemanden auf der Terrasse darunter erschlagen, hatte ich ne Angelschnur quer über die Festerbreite gespannt. Die Blumentöpfe kamen irgendwann wieder weg, die Schnur blieb.

Die Meise findet auf der quer und inzwischen nur noch so mittelstraff gespannten Angelschnur keinen Halt und rollt nach wenigen Sekunden 180° rum, sodass sie kopfüber da dran hängt. Scheint sie zu nerven, aber sie gibt nicht auf. Zäher kleiner Racker.

Sie guckt neugierig in mein Arbeitszimmer, aber sobald ich mich bewege, fliegt sie weg. Dann sitzt sie in der großen Weide gegenüber, ca. vier Meter entfernt, und guckt entweder aus der Ferne ins Fenster oder putzt sich. Drollig.

Apropos Fenster. Das ist seit Monaten nicht geputzt und megadreckig – ich kann euch keine der Fotos/Videos zeigen, die ich am ersten Tag gemacht habe*, weil das selbst mir zu peinlich wäre. Und das will was heißen. Dass mich so’n kleines Federvieh zur Hausarbeit motiviert… wer hätte das gedacht.

* alles bisher Gezeigte wurde später aufgenommen, nach der Putzaktion.

Mein Schreibtisch ist höher als das Fensterbrett und blockiert das Fenster. Also den Arbeitsplatz komplett abräumen und mühsam vorziehen, ohne das irgendwas runterfällt. Anschließend Fenster putzen, ohne selbst raus zu fallen. Ausm Giebelfenster achtmeterfuffzich überm Boden zu stürzen wäre voll unlustig. Ich kämpfe gerade mit der fiesen Grippe/Corona und komme beim kleinsten bissl Anstrengung komplett außer Puste. Mit niedrigem Blutdruck aus dieser Höhe auf die Terrasse zu gucken macht keinen Spaß. Ist aber ne gute Gelegenheit, mich an ein langsameres Arbeitstempo zu gewöhnen. Und hey, am Ende kann ich wieder in einen unvernebelten Garten rausgucken.

Dieser Herbst, diese Farben!

Die Lücken unter den Decker/Kriecher-Brettern der Fassade wurden beim Hausbau mit so kleinen Gittern verschlossen, aber scheinbar nicht die drei Lücken über meinem Giebelfenster: Die Meise inspiziert diese Spalten und verschwindet teilweise für ne halbe Minute da drinnen.

Eigentlich sollte dort eigentlich kein Platz für ein Nest sein, aber ich gehe kein Risiko ein – die müssen alle drei verschlossen werden. Schonmal weil ich nicht will, dass dort im Frühjahr wieder die Wespen nisten. So an anderer Stelle der Fassade geschehen, direkt vorm Kinderzimmerfenster. Ich schneide mir also drei kleine Stücke aus feinem Metallgitter aus, biege die zurecht…

…und stopfe sie in die Spalten.

Nimm das, Meise.

Am Nachmittag finde ich eines der Gitter auf der Terrasse. Von allein ist das definitiv nicht rausgefallen…

Also wieder rein damit. Schreibtisch vor, Fenster auf, gefährlich weit rauslehnen, Gitter rein. Mal sehn wie lange das so geht.

Tag 2: Freitag, 28.10.2022

Die Meise kommt mit dem plötzlich sauberen Fenstern nicht klar, sie macht jetzt ständig einen auf Kolibri und flattert an der Scheibe rum.

War in ihrem früheren Leben wohl ein Kolibri: Die brummsche Meise.

Gestern war dieses Kolibrilieren noch die Ausnahme. Ansonsten isse ja ziemlich schlau & geschickt, aber dieses unsichtbare Dingens, das rafft sie einfach nicht.

Das man auf der glatten Angelschnur nicht sitzen kann, akzeptiert sie genauso wenig: Sie landet immer wieder da drauf, rollt dann über, hängt mit dem Kopf nach unten da dran, schaukelt ein paar Augenblicke hin und her und landet dann aufm Fensterbrett. Im Laufe des Tages bleibt sie immer länger oben, bevor sie den Halt verliert und es sie umdreht. Oder das ist Zufall, keine Ahnung. Sieht mir eher nach Training aus.

Inzwischen kann ich hinter dem Fenster so ziemlich machen was ich will, ohne meinen Besucher zu vertreiben. Erstaunlich, dass Vögel in so kurzer Zeit die Scheu verlieren.

Das Drahtgitter lag zum zweiten Mal auf der Terrasse. Gelernt ist gelernt, und dieser kleine Racker hier hat eben rausgefunden, dass man diese Gitter wieder aus dem Spalt zupfen kann. Von jetzt an wird sie sich damit so lange Mühe geben, bis der Spalt frei ist – ich muss das Gitter also SEHR gut befestigen. Aber dafür muss ich den Schreibtisch wieder abräumen und vorziehen, und irgendwie fühle ich mich nicht danach. Also bleibt eine von drei Spalten erstmal offen. So what.

Oh, und: Im Laufe des Tages habe ich bemerkt, dass es scheinbar ein Pärchen ist. Einmal kamen mich nämlich beide gleichzeitig besuchen. Ich stelle mir vor wie toll das wäre, wenn die im Frühjahr auf dem Fensterbrett ein Nest bauen würden und ich von oben reingucken könnte, oder – falls es ein Dach gäbe – zumindest von hinter der Scheibe. Ich müsste denen irgendwas Passendes da hin bauen… Noch sind das nur Gedankenspiele. Vielleicht ist das ja auch gar kein Pärchen, sondern zwei Kumpels. Oder zwei beste Freundinnen. Versteht mich nicht falsch, ich habe nullkommanix gegen schwule, lesbische oder anderweitig diverse Meisen. Nur mache ich mir keine Illusionen, wie die Chancen auf Nachwuchs in diesem Fall stünden.

Gegen Abend gelingt mir ne Aufnahme von außen. Das Licht ist nicht mehr das beste, aber ich bin auch kein Profitierfilmer. Ich denke, ihr kommt schon damit klar. (c;

Nach diesem Video fiel mir siedend heiß ein bzw. auf, dass ich mein Fenster angekippt habe und der Spalt definitiv groß genug für einen kleinen und motivierten Eindringling ist. Glücklicherweise war ich schneller oben als die Meise drinnen. Aber in Zukunft wird das ein Problem: Ich kann jetzt nicht mehr lüften, wenn ich nicht anwesend bin. Mist.

Tag 3: Samstag 29.10.2022

Der/die Kleine macht immer noch einen auf Kolibri und will scheinbar rein.

Selbst wenn ich von meinem Stuhl aufstehe und mich direkt ans Fenster stelle, bleibt die Meise meistens sitzen. Ich bin ja auch sitzend nur nen halben Meter von der Scheibe entfernt, also kann ich mir sicher sein, dass sie mich von da draußen sieht. Scheinbar störe ich nicht und mache auch keine Angst. Scheinbar sieht sie mir an, dass ich gut zu Vögeln bin.

…ihr habt doch nicht allen Ernstes geglaubt, dass ich dieses Wortspiel nicht einbaue, oder? Ey, dass das jetzt erst kommt, ist mir schon hoch anzurechnen. (c;

Tag 4: Sonntag 30.10.2022

Na sei’s wie’s ist, viel mehr gibt’s erstmal nicht zu berichten. Meise und Brumme haben sich aneinander gewöhnt, sie lässt sich nichtmal mehr stören, wenn ich mit dem Gesicht so nah ans Fenster gehe, dass die Scheibe beschlägt.

Das Balancieren hat sie inzwischen drauf, ich habe sie heute kein einziges Mal mehr kopfüber hängen sehen.

Das rausgezupfte Gitter ist immer noch draußen, das muss ich noch stabil befestigen. Aber ich habe heute auch nicht mehr beobachtet, dass sie wieder in den unverschlossenen Spalt schlüpft. Vielleicht ist der inzwischen nicht mehr interessant. Offen lassen werde ich den trotzdem nicht. Steht auf der to-do Liste. Ja, ich weiß, dort stehen viele Dinge.

Ich überlege weiterhin, ob ich einen Nistkasten auf’s Fensterbrett stellen soll, der zur Scheibe hin aus voyeuristischen Gründen mit transparentem Acrylglas verschlossen ist. Dann könnte ich hier drinnen ne Webcam aufstellen und im Frühjahr mit ein bisschen Glück den Meisen beim Brüten zugucken. Mal sehen. Klingt eigentlich zu verlockend, um’s nicht zu machen.

Oder?

Hat jemand von euch schonmal Vögel beim Brüten gefilmt?

6 responses to “Der Brumme hat ne Meise”

  1. Martina sagt:

    Das ist ja wirklich zuckersüß!!!
    Bei mir hat mal eine Bachstelze in einem Blumenkasten am Dachbodenfenster gebrütet. Ich konnte zuschauen, bis fünf kleine Bachstelzchen ausgeflogen waren. Das war toll. Was ich dabei gelernt habe: die brütenden Vögel verlassen in der Mittagshitze das Nest und überlassen der Sonne das Brüten.
    Stell doch mal deinen Schreibtisch um und lass dein Fenster offen. Wäre doch zu interessant zu sehen, was sie dann macht.

    • Der Brumme sagt:

      Also geht das mit dem Brut-Voyerismus tatsächlich… das macht Hoffnung! (c:
      Vielleicht baue ich mir über den Winter tatsächlich ein Spezialvogelhäuschen.

      Aber meinen Schreibtisch werde ich nicht umstellen, einerseits weil das größere bauliche Maßnahmen erfordern würde und zweitens, weil ich die Kleine nicht reinlassen will, bei aller Liebe.

  2. Frances sagt:

    Eine sehr süße Geschichte, lieber Daniel. Allerdings sind Meisen Höhlenbrüter. Du wirst ihnen wohl einen Kasten anbieten müssen. Ich habe hier einen mit einer Kamera drin. Da konnte ich in diesem Frühjahr Blaumeisen beobachten wie sie 7 Küken groß gezogen haben. Unsere Meisen lieben jetzt im Winter Meisenknödel. Außerdem übernachtet hin und wieder eine Meise auch im Winter im Brutkasten.

    https://youtu.be/USXqwfNpyWY
    https://youtu.be/NUPhYOGFoT4
    https://youtu.be/ZHJt0uLkHVY

    Das ist alles im gleichen Nistkasten gewesen. Es macht viel Spaß da zugucken. Ich habe meinen Nistkasten bauen lassen vom Inhaber folgenden Blogs: Nistkasten Livestream. Da gibt’s auch ne Bauanleitung für Selbstbastler.

    • Der Brumme sagt:

      Hi Frances,

      danke für die Tips.
      An einen Nistkasten hatte ich auch gedacht. Und wenn ich dich richtig verstanden habe, rätst du von einer durchsichtigen Sichtscheibe zu meinem Fenster hin ab, da das dann keinen Höhlencharakter mehr hätte und die Meise nicht drin brüten würde, oder?

      Nistastenlivestream schaue ich mir an, sobald ich Zeit habe.

      • Frances Wittke sagt:

        Es könnte sein dass die Mama sich gestört fühlt und ihr Gelege verlässt bzw gar nicht erst Eier legt. Du kannst aber zum Beispiel im Bereich der Plexiglas Scheibe von der Innenseite des Fenster etwas dagegenstellen, ein kleines Holzbrett o. Ä. was sich zum zugucken wegnehmen lässt aber ansonsten Dunkelheit bringt. Ich hatte einen Nistkasten der eine Plexiglas Scheibe hatte, den haben die Vögel hier nicht angenommen. Ich denke, die erkennen kein Hindernis so wie auch das geputzte Fenster. Und die wiederum vermeintlich offene Wand birgt zu viel Gefahr aus Sicht des Vogels. Ich hoffe ich konnte mich verständlich ausdrücken ?

        • Der Brumme sagt:

          OK, das mit der Störung verstehe ich. Dann wird’s wohl ne Webcam-Lösung werden. Also falls ich beschließe, das zu machen. Mal gucken,… Das hängt von der freien Zeit und der brummschen to-do Liste ab. 😉

Kommentar verfassen