Weidenwasser und Mysterytomaten

Dass man Tomaten über das Bewurzeln von Geiztrieben vermehren kann, war mir bis letztes Jahr komplett neu. Ich hatte beim Ausgeizen spontan die Idee, und es hat erstaunlich gut geklappt. Wir sprachen darüber, siehe hier.

Kürzlich stieß ich auf etwas, das sich „Weidenwasser“ nennt, und das wohl Stecklingen beim Bewurzeln helfen soll. Auch hier:

Komplettes Neuland.

Nie davon gehört.

Klingt furchtbar interessant.

Kurze Onlinerecherche ergibt: Issn alter Hut, kennt scheinbar jeder außer mir.

Jedenfalls finden sich zahlreiche Artikel. Viele sind recht oberflächlich gehalten, eignen sich aber gut für nen ersten Eindruck und Überblick. Das hier und das hier war mein Einstieg ins Thema. Man stößt aber auch recht schnell auf Seiten, auf denen einem schnell klar wird, dass man wiedermal ein Fass ohne Boden gefunden hat. Eine meiner ersten Fragezeichen war das Thema Dosierung, und – lo and behold! – ich bin natürlich nicht der Erste der sich fragt, welche Konzentration bei Weidenwasser als Bewurzelungsmittel zu verwenden ist. Wäre ja noch…

Lange Rede, stumpfer Sinn: Entweder ich recherchiere mich jetzt bis zum Semi-Experten hoch – dann ist die Gartensaison rum und ich hab drei weitere ungelesene Bücher im Regal, kann aber keine einzige weidenwasserwurzeloptimierte Geiztriebtomate vorzeigen, oder…

…oder ich geh JETZT raus, schnippel der Weide hinterm Haus ein paar Zweige ab und fang einfach an! (c:

Mir fiel recht schnell auf, dass die Zweige an den Enden, also dort wo die meisten Blätter sitzen, deutlich anders aussehen als die jungen einjährigen Bereiche obendrüber. Dünner und grüner, hauptsächlich. Die Artikel schrieben von „einjährigen, bleistiftdicken“ Zweigen, zeigten dann aber Fotos mit Zweigen, die höchstens so dick waren wie die meinigen unten im Bild. Keine Ahnung was für Bleistifte die nutzen… Dazu kam: Einige der in den Artikeln abgebildeten geschnippelten Zweige waren grün (also ganz frisch von diesem Frühjahr), andere dagegen gelb/braun, ergo einjährig.

Ja was denn nu?!¿?

Daher hab ich einfach mal zwei Tees angesetzt und teste eben beides. Veilleicht zeigt sich ja ein Unterschied. Ich glaub’s ehrlich gesagt nicht, aber probieren geht über recherchieren. Oder so.

Der erste Schock: Das sind ja nichma zwanzsch Gramm! )c:

Ja gut, ich setze auch keinen ganzen Liter auf, aber ein halber Liter hätte es schon sein sollen. Also müsste ich noch die fünffache Menge sammeln… uff. Dann lieber nochmal die Wassermenge halbieren und das Zeug weniger stark konzentriert ansetzen. Ich hab ja eh keine Ahnung, wie hoch die Konzentration der Wirkstoffe am Ende sein wird, also macht das jetzt auch nix mehr.

Von den einjährigen Zweigen lässt sich schon leichter ein Glas vollsammeln:

Übrigens hab ich hier nen Denkfehler gehabt: Das sind jetzt ca. 200gr, aber ins Glas geht maximal ein halber Liter Wasser – weniger, wenn man das Volumen der Zweige abzieht. Ich hab dieses Glas Weidentee also deutlich zu stark angesetzt. Na was solls, ist jetzt eben so…

So, und jetzt steht die Brühe da und muss einen Tag lang ziehen. Morgen suche ich dann drei Geiztriebe von meinen vorgezogenen Tomaten. Einer wird ohne Weidenwasser eingesetzt, die anderen beiden mit jeweils einer Version des Weidenwassers. Idealerweise finde ich drei Geiztriebe derselben Sorte – was bei fuffzich Tomatenpflanzen einfach klingt, aber dann auch wieder nicht, weil’s 14 verschiedene Sorten sind…

Aber wisst ihr was? Bis hierher wäre das eigentlich kein Posting wert. Zum Thema Weidenwasser als Bewurzelungshilfe gibts online drölfzigtausend Berichte und Diskussionen, und zwar von Leuten die sich damit auskennen. Ich tippe am Tag Eins meines Kennenlernens des Themas einen Artikel – was kann der schon Wissenswertes enthalten? Man müsste was machen, das noch niemand vorher… und so weiter.

Weidenwasser, Weidentee… warum nicht …Weidensmoothie? Smoothies sind doch eh der heiße Shice, also warum soll man das Zeug nur aufbrühen und nich im Blender zermährn?

Klar, ich hab keine weiteren Geiztriebe, an denen ich das ausprobieren kann. Bin ja schon froh wenn ich dreie zusammenkriege für die Tees und einen Kontrolltrieb (cooles Wort, oder?).

Aber!

Ich hab noch meine Mystery-Tomaten!

(c:

…ach so, was das ist? Da muss ich jetzt kurz ä bissl weiter ausholen:

Warum ich Kompost statt Anzuchterde verwende

  1. Das Sparfuchsargument: Ich muss keine Anzuchterde kaufen.
  2. Das Faultierargument: Ich muss keine Anzuchterde selbst mixen.
  3. Das Spieltriebargument: Ich liebe Überraschungen!
  4. Die Anzucht in Kompost funktioniert einfach.

ad 3) Ich habe vor Wochen meine Zwiebeln in kleinen Quickpots vereinzelt, die ich mit Kompost gefüllt habe. Die Pflanzen wachsen ganz gut, aber jede zweite hat irgendwelche ungeplanten Mitbewohner. Bei der Größe glaube ich noch nicht an Konkurrenz – ich vermute eher, dass es den Pflanzen gut tut, wenn sie nicht komplett allein aufwachsen. Tun sie ja später im Beet auch nicht, also warum sollte ich mir Sozialphobiker heranziehen?

Jedoch…

Inzwischen ist das „Unkraut“ so groß geworden, dass sich die Sorten erkennen lassen – und siehe da: Ich habe mindestens SIEBZEHN Mystery-Tomaten!

(Ich weiß, ich habe das schonmal erwähnt…)

Wer hier im Blog schon öfter mal vorbeigelesen hat, hat jetzt vielleicht noch im Hinterkopf, dass ich dieses Jahr ca. 50 Tomatenpflanzen vorziehe. Fuffzich! Und jetzt kommen nochmal knapp 20 dazu… Nein, das erscheint nicht nur euch ein bisschen gaga. Mir auch. Aber „ein bisschen verrückt“ hat mich bislang nur selten von irgendwas abgehalten. Manchmal wärs besser gewesen, aber hey…

Klar sind die den regulär Vorgezogenen Tomaten um Monate hinterher, aber ich bin mir sicher, dass ich von denen trotzdem was ernten werde – wetten? Außerdem: Wenn das keine gestaffelte Aussaat ist, dann weiß ich auch nicht.

Ein Verwertungsproblem werde ich übrigens definitif nicht bekommen, weil inzwischen Dörrothea bei uns wohnt, und wir getrocknete Tomaten lieben. die Gartenzwerge naschen die wie Bonbons (wenn wir sie lassen) und Tomatensoße für die Nudeln war nie leckerer.

…so, jetzt wisst ihr was meine Mystery-Tomaten sind.

Zwischen dem Foto oben und den nun folgenden liegen übrigens 11 Tage. Viel gewachsen sind die Kleinen nicht. Meine umgetopften in den 5L-Eimern dagegen haben in dieser Zeit – zu meinem Leidwesen! – mindestens 10cm zugelegt, manche das Doppelte. Der 2021er Mai ist leider so kalt und nass, dass die noch drin bleiben müssen, laut Wetterprognose mindestens noch ne Woche. Hmpf.

Aber zurück zum Thema.

Die Konservendosen in dem Eurobehälter sind nicht zufällig räumlich getrennt: In den oberen mit der dunkleren Erde ist frisch gesiebter Kompost, die unteren sind ebenfalls mit Komposterde gefüllt, die wurde diese Saison allerdings schon mehrfach für Anzuchten verwendet. Zuletzt für Gartensalate. Also im Prinzip dasselbe Zeuch, denn viele Nährstoffe werden da sicher noch nicht fehlen. Allenfalls sind weniger Fliegeneier drin, weil die meisten schon geschlüpft sein werden. Aber um das Experiment möglichst sauber zu machen, trenne ich das lieber.

Hier sehr ihr eine der Schwierigkeiten: Wie bekomme ich die Zwiebelchen von den Tomätchen getrennt – möglichst ohne Wurzelschäden? Ihr seht an den Rändern, dass die Erde etwas geschrumpft ist. Das liegt daran dass sie gerade recht trocken ist. Also bekomme ich die relativ gut aus den einzelnen Quickpots raus, hoffentlich…

…jep, geht wunderbar! Was zum großen Teil auch daran liegt, dass ich unten jeweils ein bisschen Schafwolle reingestopf habe. Einerseits damit keine Erde durch die großen Quickpotlöcher durchkrümelt, andererseits soll die wohl düngend wirken. Mir reicht schon die Krümelstopp-Wirkung, damit hat die ihr Geld bei mir schon rein! Und: Ich muss nur von unten auf die Watte drücken, und schon kommt der gesamte Inhalt des Pots oben sauber raus.

Zum Umtopfen in die Dosen gibt’s jetzt nicht so viel zu sagen, das hab ich außerdem neulich schon erschöpfend beschrieben. Also fast forward zum Weidensmoothie – darum soll’s ja hier gehen!

Nochmal fix raus in den Garten, die Weide frisieren…

…und ab in den Mixer damit!

Profitip: Nehmt nen Mixer mit ordentlich Bumms. Die Zweige sind zäh!

Da ich die festen Bestandteile nicht im Gießwasser haben will, siebe ich die raus:

…was einmal komplett gar nicht klappt – der Matsch liegt im Sieb wie tot und es läuft schlicht nix nach unten ab!

Also nimmt man die Pampe in die Hand und drückt sie aus. Funktioniert wunderbar, und am Ende hat man drei schöne „Schneebälle“. Ich hab die dann später wieder auseinandergepflückt und versuchsweise um einen kürzlich gepflanzten Salat als Mulch verteilt. Mal sehn ob das irgendwas bewirkt…

Jetzt die Brühe nochmal kurz bis kurz vorm Aufkochen erwärmen, umfüllen und abkühlen lassen.

Morgen wird dann damit gegossen, aber nur die Hälfte der Mystery-Tomaten. Genaugenommen jeweils die Hälfte mit neuem und altem Kompost. Die mit den bunten Pflanzsteckern drin sind die Altkompostianer.

Und der Dicke da vorn in der Mitte, da soll mal ein Kürbis rauskommen. Die Dose hat nur nirgendwo anders mehr Platz. Nur falls ihr jetzt kurz verwirrt wart. (c;

So, morgen gehts also los: Drei Geiztriebe und knapp zwanzig Nachzügler. Ich muss verrückt sein. Aber was tut man nicht alles im Namen des gärtnerischen Erkenntnisgewinns.

Ich halte euch hier auf dem Laufenden, wenn’s was zu berichten gibt! (c:

Update 21.05.2021

Eine (viel zu kurze) Nacht später: Heureka, ich hab doch mehr Geiztriebe als gedacht! (c:

Ich hab heute mal Anzuchtinventur gemacht und nicht nur durchgezählt, sondern (erstmalig…) aufgenommen, welche Sorte wie gewachsen ist. Der Zusammenhang ist wenig überraschend eindeutig: Wer unter LED steht, wächst deutlich kräftiger und neigt etwas weniger zu Längenwachstum. Ausnahme ist die buschigen Sorte „Bajaja“, die ist auch am Fenster klein, gedrungen und erfreulich kräftig geworden. Leider macht mir die Bajaja an anderer Stelle Kummer, aber der ist selbstgemacht und hat nix mit der Pflanze an sich zu tun (Details später).

Ziel der Anzuchtinventur war aber eigentlich, herauszubekommen, wieviele „erntereife“ Geiztriebe von welchen Sorten ich habe. Zwar wachsen aus vielen Blattachseln schon kleine Triebe, aber fürs Bewurzeln würde ich nix nehmen, was unter 10cm groß ist. Letztes Jahr waren die sogar doppelt so groß, mindestens! Aber da konnten die Tomaten viel eher raus und ich hatte die Geiztriebaktion ein paar Wochen später als jetzt gemacht. Daher war ich mir gar nicht sicher, ob ich heute schon genug zusammen bekomme.

Spoiler: Ich bekam. (c:

So sieht mein aktuelles Versuchslabor aus:

Von links nach rechts:

Black Krim: Weidensmoothie vs. Leitungswasser

Tschernie Prinz*: Weidensmoothie vs. Leitungswasser

Sibirisches Birnchen: Weidentee mit einjährigen Zweigen vs. Weidentee mit grünen Zweigen vs. Weidensmoothie

* Tschernie Prinz ist mein diesjähriger Beschriftungs-Fail: Die Chancen sind gut, dass es sich dabei um die Sorte „Bajaja“ handelt. Irgendwie habe ich Dussel die Nummerierungen vertauscht. Oder die Nummerierungen stimmen, aber die zugeordneten Namen sind vertauscht. Egal. Ihr wisst was das heißt? Genau: Mit den beiden Sorten wird’s spannend! 🙂 Beide hatte ich bisher nicht, und vor allem an Bajaja habe ich hohe Erwartungen. Leider sind von den ausgesäten 6 Samen nur 2 aufgegangen – bei beiden Sorten! Zufälle gibts…

Die blieben darin ca. 90 min stehen, dann neigte sich der heutige Frucht-Tag* dem Ende zu und gegen 16 Uhr kamen alle in die Töpfe. Dann ab unters Pflanzlicht in die kühle Speisekammer:

Links im Eurobehälter sind die Geiztriebe, in den beiden grünen Schalen die gestrigen Mysterytomaten. Herzliche Grüße von Captain Obvious. (c;

Alle genießen identisches weißes Pflanzlicht und werden ihrer Beschriftung entsprechend gegossen – sofern ich Schussel das nicht verbummfiedle. Und wir? Wir harren der Dinge die da kommen – oder auch nicht – und freuen uns auf Erkenntnisgewinn.

Falls ihr mehr Erfahrungen mit Weidenwasser gemacht habt als ich (nicht schwer!), dann lasst gern einen Kommentar da!

Update 31.05.2021

Also, zehn Tage später: Die Mysterytomaten wachsen sehr ordentlich. Ich bin richtig stolz auf die Kleinen! Aber guckt selbst! (c:

Das Trauerspiel links im Bild sind natürlich die Geiztriebe, aber dazu gleich mehr. Lasst uns erstmal die zwanzig Schönheiten rechts im Bild angemessen bewundern!

Interessanterweise gibt es weder einen deutlichen Unterschied zwischen den Weidenwasser vs. Leitungswasser noch zwischen altem und frischem Kompost. Hätte ich so nicht erwartet. Vielleicht zeigt sich der Unterschied auch erst später, aber ich glaube ehrlich gesagt nicht mehr dran. Aber das wäre dann ja auch ein guter Erkenntnisgewinn, oder? Weidenwasser bewirkt – zumindest bei kleinen Tomatenpflanzen – nicht viel bis gar nichts.

Obwohl… Lasst und mal keine voreiligen Schlüsse ziehen. Wie reden ja von Wurzelwachstum, und das können wir erst direkt beobachten, wenn ich die umtopfe! Also wird’s definitiv nochmal spannend. (c:

Ich plane, am kommenden Sonntag (6.6.) alle Tomaten rauszupflanzen. Bis dahin sollten nach derzeitiger Prognose die letzten kalten Nächte durch sein, und außerdem ist am Sonntag ab 8 Uhr wieder Thun’scher Fruchttag. Zwar keine Pflanzzeit, aber ich will nicht noch ne Woche länger warten, zumindest nicht mit den großen Pflanzen in den Fünflitereimern. Die hätten schon lange raus gemusst, aber mit denen konnte ich mangels Zeit erst vergangenes Wochenende mit dem Abhärten beginnen: Früh 55 Eimer raustragen, abends wieder rein. Jedes Mal ne knappe Dreiviertelstunde. Das mag am Wochenende gehen, aber wochentags? Abends ist das vielleicht noch OK, aber ich steh doch nicht früh 5:00 auf!

Also: Am Sonntag wird rausgepflanzt, und da gucken wir den Mysterytomaten mal, wie die untenrum aussehen. Wenn’s mich rappelt, mache ich mit denen noch ein weiteres Maria Thun-Experiment: die Hälfte wird am 6.6. rausgepflanzt (Fruchttag, aber keine Pflanzzeit), die andere Hälfte dann am in der Woche drauf: Dienstag 15.6. bis Donnerstag 17.6. sind wieder Fruchttage, diesmal aber innerhalb der Pflanzzeit. Dann muss ich die „nur noch“ alle korrekt beschriften und irgendwo nebeneinander aufstellen, damit die Bedingungen ungefähr gleich sind. Und dann den Sommer über vergleichen, vergleichen, vergleichen… (c;

…oh, beinahe vergessen, die Geiztriebe:

Naja, einer sieht halbwegs vital aus, ein weiterer könnte eventuell überleben. Bei den anderen mache ich mir nur noch wenig Hoffnungen. Beides Pflanzen, die mit dem Weidensmoothie gegossen wurden – von daher schonmal spannend. Aber es sind auch welche verwelkt, die Weidensmoothie abbekommen haben – von daher vielleicht auch nur Zufall. Ich will das mal noch nicht überinterpretieren (vor allem weil bei den Mysterytomaten so gar kein Unterschied festzustellen war!), finde den Verlauf insgesamt aber angemessen spannend, und werde das sicher irgendwann nochmal wiederholen. Die vielen Verwelkten könnten übrigens auch daran zugrunde gegangen sein, dass es denen zu nass war. Nur so ein Gedanke. Bin eben kein Bewurzelungsexperte, finde das aber wiedermal einen weiteren voll spannenden Aspekt der Gärtnerei, den ich normalerweise gar nicht so aufm Schirm gehabt hätte.

Update 9.6.2020: Erster Einblick in die Wurzelballen, erstes Rauspflanzen

One response to “Weidenwasser und Mysterytomaten”

  1. […] als Bewurzelungshilfe (wir sprachen darüber) […]

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