Wundersame Tomatenvermehrung, oder: Ausgeizen ist geil!

Heute mal so ne Art Tutorial. Thema: Tomatengeiztriebe und ihre Nachnutzung.


Ich weiß, bis zum ersten Ausgeizen sind noch ein paar Wochen Zeit. Jetzt isses Mitte April und vor Mitte Mai sollten die Pflanzen eh nur zum Abhärten raus, weil’s immer noch Nachtfröste geben kann. Die mögen unsere Schätzchen ja so gar nicht. Nach dem Rauspflanzen kommen die Tomaten dann aber ganz schnell ins Wachsen, und das bedeutet: Ausgeizen.


Tomaten werden ausgegeizt. Kannste jeden fragen. Ja, es gibt auch Buschtomaten, die man nicht ausgeizt, klar. Aber sonst: Ausgeizen.


Gibt ja auch ne Menge guter Gründe dafür. Die Pflanzen sollen ihre Kraft nicht in die Blätter stecken, sondern in die Früchte. Zu dichtes Blattwerk beschattet die Früchte, die bekommen weniger Sonne ab und reifen nicht so schnell. Außerdem kann die Luft in einem dichten grünen Dschungel nicht so gut zirkulieren – bei Regen trocknen die Blätter dann langsamer ab und die Pflanze wird anfälliger für Krautfäule.


Soweit üüüberhaupt nix Neues. Wenn ihr jetzt enttäuscht aufhört zu lesen, habe ihr eure Zeit verschwendet, weil ihr das alles schon wusstet, wette ich.


But wait, there’s more! (c;


Die ausgegeizten Triebe muss der clevere Gärtner nämlich nicht verkompostieren. Gut, man kann damit auch Tomatenjauche machen. Googelt das mal, Pflanzenjauchen sind ein sehr interessantes Thema, auch wenns genauso unappetitlich klingt wie es riecht.


Aber.


Man kann die Geiztrieben noch viel produktiver nutzen: Die kann man nämlich anwurzeln lassen und hat dann zusätzliche Pflanzen!


Boom. There you have it. Mind blown.


Hättet ihr das schon ein paar Wochen eher gewusst, hättet ihr weniger aussähen müssen und eure Tomatenvorzucht wäre deutlich kleiner ausgefallen. Tja, dafür isses jetze zu spät. Sorry for that.


Aber.


Eigentlich ist das gar nicht schlimm, denn man sollte ja diese Geiztriebbewurzelungsmethode erstmal ausprobiert haben, bevor man im nächsten Jahr mit ner kleineren Vorzucht anfängt und das dann vielleicht nicht klappt. Also lieber jetzt ausprobieren und wenn’s geklappt hat, nächstes Jahr weniger Pflanzen vorziehen. Oder mehr Sorten und dafür weniger Exemplare pro Sorte. Whatever floats your boat. Auf jeden Fall habt ihr jetzt noch mehr als genug Zeit, um euch stressfrei und umfassend über das Thema zu informieren – ihr müsst ja dem Brumme nich alles ungeprüft glauben. (c;

Ausgeiz-Timing

Für Maria Thun- orientierte Gärtner kann der Zeitpunkt des Ausgeizens erstmal verwirrend sein: Wann macht man das denn jetzt man besten?

  • An Blatt-Tagen, weil so ein Trieb ja eigentlich erstmal nur ein Blatt ist?
  • An Frucht-Tagen, weil die Pflanze später mal Früchte tragen soll?
  • An Wurzel-Tagen, damit das Anwurzeln schneller geht?

Nach längerer Diskussion sind wir (wir = die Teilnehmer von Marie Diederich’s Wurzelwerk-Gartenkurs) überein gekommen, dass wohl Frucht-Tage optimal sind, denn letztlich dient ja alles der Produktion von Früchten. Und idealerweise macht man das während der Pflanzzeit.


Sidenote: Ich hab inzwischen ein entspannteres Verhältnis zu den Aussaat-Tagen als noch letztes Jahr: Ich versuche natürlich IMMER mich daran zu halten, aber wenn irgendwas Dringendes ansteht, das nicht warten kann, dann wird’s eben sofort erledigt und nicht bis zum passenden Tag gewartet. Bricht mir beispielsweise ein Trieb ab – bei der im WoZi überwinterten Physalis zum Beispiel – dann warte ich natürlich nicht erst auf einen Fruchttag, sondern stelle das Opfer stante pede ins Wasser. Alles andere wäre ja auch sinnlos.

Aber wenn ich die Wahl habe, dann warte ich bis zu den entsprechenden Tagen. Ich habe schon mehrfach kleine Experimente gemacht und bspw. geprüft ob es einen Unterschied macht, Naktgerste (a.k.a. Ostergras) an einem Blatt- oder Wurzeltag zu säen. Oder Erbsen an Frucht- oder Blatttagen. Die Ergebnisse waren immer – IMMER! – absolut eindeutig: Ja, es macht einen Unterschied. Sinen großen sogar. Sowohl Keimraten als auch Wachstum unterscheiden sich so deutlich, dass man es gar nicht übersehen kann.

Aber zurück zum Ausgeizen. Es folgt eine kleine Fotostory mit meinen Erfahrungen vom Juni/Juli 2020, wo ich das zum ersten Mal probiert hatte.

So sahen die Tomaten Mitte Juni 2020 aus. Ja ich weiß, ich hätte da VIEL EHER ausgeizend tätig werden müssen. Habsch halt verbummelt.

Die hier standen an der Westseite des Hauses – um die Ecke rum standen noch 3x soviele Säcke, aber da knallte zum Zeitpunkt des Knipsens gerade voll die Sonne drauf, deshalb wollte ich an denen nicht rumschneiden, um die nicht mehr als nötig zu stressen. Die 5 Säcke hier waren mit jeweils 2 oer 3 Tomaten bepflanzt, da waren mehr als wie genug Geiztriebe dabei.

[Naivmodus on]
…ach komm, ich konzentriere mich erstmal nur auf den ersten Sack, das sieht wild genug aus, da sind sicher ein oder zwei große Geiztriebe dabei…
[Naivmodus off]

[Kinnlade unten]
…öhm, ja, so ein oder zwei. Eher ZEHN! Und man sieht den Pflanzen immer noch nicht an, dass da großartig was fehlt.

Ich muss an meiner Ausgeizdisziplin arbeiten, ganz ehrlich. Zu meiner Verteidigung: Die Woche vorher hatte es immer entweder geregnet oder war kurz davor, daher wollte ich nicht an den Pflanzen rumschnippeln, wegen Pilzinfektionen und so. Aber auch ohne diese eine Woche Verspätung wäre das Ausgeizen schon viel eher dringend nötig gewesen. Schlampig.

Die Geiztriebe bricht man typischerweise mit der Hand vorsichtig raus. Wenn man tatsächlich eine Schere oder ein Messer nimmt (empfehle ich nicht, ich bin eher so der Rausbrech-Typ), dann uuunbedingt nach jeder Pflanze desinfizieren (kochendes Wasser), damit man keine Infektionen von einer Pflanze zur nächsten schleppt.

So, jetzt standen also zehn(!) Black Cherry Stecklinge auf der Fensterbank. Das war Pflanzsack Nummer eins. Ich hatte ca. 20 Säcke, auch wenn in der Hälfte davon jeweils nur eine Pflanze steht. Jetzt bitte nicht nachrechnen…


Denn Platz war eigentlich keiner mehr – ich hatte ja bei der Vorzucht nicht damit gerechnet, dass später nochmal so viele Tomaten dazu kommen! Glücklicherweise hatte ich Anfang der Woche erst weitere zehn große 90 Liter- Maurertröge bestellt, die an die Rückseite des Carports kommen sollten, wenn der fertig verkleidet wäre. Genauso wurde es dann auch: Die Pflanzen bekamen ne tolle Südseitenlage, zwar ohne Überdachung, aber das hat denen nicht geschadet. Ich hatte keine der typischen Probleme, die Nicht-Freiland-Sorten ohne Überdachung angeblich immer bekämen. Also keine Krautfäule; vermutlich lag das daran dass es kein sonderlich nasses Jahr ar, und dass der Standort genug Wind abbekam, sodass die Pflanzen immer schnell genug abtrocknen konnten.

Das abgeschnittene Laub wurde übrigens verjaucht.

Ein Duzend Stecklinge der Sorte Ampeltomate Himbeerfarbige*. Die kann man wie der Name schon sagt hängend wachsen lassen. Es geht aber auch im Stehen – die bleiben dann eben klein und buschig. Keine Ahnung wo ich zehn weitere Tomaten runterhängen lassen will… Aber hey, erstma hamm!

* Voll poetisch, diese Züchter. Echt ma. Hätte man die nicht wenigstens „Himbeerfarbige Ampeltomate“ nennen können? Wär das sooo schwer gewesen?


Übrigens: Diese Sorte hat uns absolut gar nicht geschmeckt. Am Standort lag’s nicht, denn ich hatte die an verschiedenen Stellen untergebracht, damit hatten die auch leicht verschiedene Erden – das kanns also auch nicht gewesen sein. Das ist die erste und bisher einzige Sorte, die ich komplett von meiner Liste gestrichen habe. Ich habe noch jede Menge Saatgut, weil ich aus Prinzip Samen nehme – falls also jemand Interesse hat, meldet euch gern. Kann ja sein dass die euch besser schmeckt als uns.

Ein Duzend Stecklinge der Sorte „Vesennij Mieurinskij„, eine Cocktailtomate. Das war die Überraschung des Tomatenjahres, die Sorte mit dem unaussprechlichen Namen hat es auf Anhieb in unsere Top 3 geschafft. Vor allem die beiden Gartenzwerge lieben die.

Riesenfleischtomate Ananas… Auch nicht schlecht, wird dieses Jahr wieder angebaut. Wir hatten einige ziemlich große Atzn* dran (800gr, wenn ich mich recht erinnere), aber natürlich deutlich weniger Früchte als bei den Cocktailtomaten. Logisch… Rein nach Gesamterntegewicht pro Pflanze würde ich sagen, dass bis auf diese eine Ausnahme die Sorten mit den kleineren Früchten produktiver waren. Aber das würde ich nach einem Jahr noch nicht verallgemeinern wollen, daher kommen 2021 auch wieder Reisenfleischtomaten ins Programm und ich muss mal besser aufpassen, welche Sorte wieviel Ertrag bringt.

* Wer net wees was e Atzn iss: E Atzn iss a düschdich grußor Emmes. Danke ans Karzl für diese Erklärung.

Genau eine Woche später. Zwei Tage vor diesem Foto hat man die allerersten Wurzeln sehen können, und die wuchsen unglaublich schnell.

Auch interessant: Die Bewurzelung ist absolut nicht gleichmäßig – einige haben noch gar keine Ansätze, andere dagegen schon vergleichsweise viele. Also nicht entmutigen lassen – die hatten später alle noch Wurzeln gekriegt.

Ich vermute: Je größer der Geiztrieb, desto länger dauert die Wurzelbildung. Jedenfalls sah das bei mir so aus. Die großen 30-40cm langen Geiztriebe der Black Cherry hatten anfangs so gut wie keine Wurzeln…

…während die kleinen Triebe der Cocktail-Sorte „Vesennij Mieurinskij“ schon richtig viele Wurzeln hatten. Die Wurzelwachstumsgeschwindigkeit scheint also sortenabhängig zu sein.

Nochmal zwei Tage später: Die Riesenfleischtomate Ananas hatte inzwischen die Nase vorn, bzw. die Wurzelspitzen. Die Stecklinge wurzelten echt wie blöde!

Ins Wasser oder in die Erde?


Geiztriebe müssen ja als allererstes Wurzeln kriegen. Tun sie das nicht, wars das. Also stellt man sie ins Wasser, wo sie in den nächsten Tagen und Wochen Wurzeln ausbilden und anschließend in die Erde verpflanzt werden können. Das Wasser muss man aller paar Tage wechseln, außerdem solltet ihr aufpassen dass der Wasserspiegel halbwegs konstant bleibt, denn die Wurzeln bilden sich nur unter Wasser. Meine Geiztriebe waren extrem durstig, ich musste täglich mehrere Zentimeter auffüllen.


…oder…


Man steckt die ausgegeizten Triebe gleich in die Erde. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass die garantiert vertrocknen, aber ich hatte dermaßen viele Geiztriebe, dass ich es ausprobieren konnte. Glücklicherweise, denn das Ergebnis wird dich umhauen! Mein gestörtes Verhältnis zum Clickbaiting nu wieder… (c;

Hier einige der Erdlinge:

In einem der 60 Liter-Kübel hatte ich drei Rosenkohlse reingesetzt, die aber in der Sonne weggebratzelt sind. Pech gehabt, dann kommen hier eben Black Cherries hin!

Übrigens: Der eine liegende Setzling (unten rechts im Bild, der Schlappe) ist interessant…

Dieser Setzling gehörte zu denen, die ich gleichzeitig mit den ins Wasser gestellten in die Erde gesteckt hatte. Alle „Geerdeten“ ließen zu diesem Zeitpunkt die Flügel hängen und waren ein Bild des Jammers. Einige waren komplett abgestorben, der Rest sah „nur“ bemitleidenswert aus. Der auf dem Bild war der Jämmerlichsten dieser Truppe, den hatte ich aus Neugier vorsichtig rausgezogen. Und siehe da – ganz unten hatte sich tatsächlich ein kleiner Wurzelring gebildet!


Urteil: Beide Methoden funktionierten…bis hierher.

Mal sehn wie’s ein paar Tage bzw. Wochen nach dem Rauspflanzen der Wasserlinge ausieht, erst dann kann man ja vergleichen. dann würde sich zeigen ob eine Methode am Ende die Nase vorn hat. Vom Gießaufwand her waren es bisher die Wasser-Setzlinge, da musste ich nur täglich Wasser auffüllen und nicht mit der Gießkanne von Kübel zu Kübel springen. Aber war ist nicht ausschlaggebend – wenn die direkt gesteckten Erdlinge besser performen, dann wird das in Zukunft eben so gemacht.

Am Ende waren immer noch ein paar Black Cherries übrig, es wurde jetzt in zwei Kübeln also ziemlich eng. Die aus der Not heraus geborene Idee: Mal sehen wie sich Rosenkohl und Tomaten miteinander klar kommen. Ich hoffte darauf, dass die Tomaten hier hauptsächlich die Kohlschädlinge vertreiben – auf Früchte bin ich gar nicht mal so aus.


Im Nachhinein kann ich euch sagen, dass es tatsächlich funktioniert: Der Tomatenduft „tarnt“ sozusagen den Blumen- und Rosenkohl, sodass sich auf Kohlse, die neben Tomaten standen, deutlich weniger Kohlweißlinge und auch kaum weiße Kohlfliegen verirrten. Klar, hundertprozentig ist dieser Schutz nicht, aber der Effekt war deutlich. Kann man also machen.

Fazit

Die Geiztrieb-Pflanzen haben besser performt als erhofft, hurra! sie sind ihren Elternpflanzen zwar ein paar Wochen lang hinterher, aber im Hochsommer erkennt man dann kaum noch Unterschiede. Möglicherweise kann man das ja unter „gestaffeltem Anbau“ verbuchen. Auf jeden Fall brachten die Geiztriebtomaten ähnlich gute Ernten wie die regulären.

Sowohl Erdlinge als auch Wasserlinge haben ungefähr ähnlich performt, aber das würde ich dieses Jahr noch einmal ganz genau beobachten wollen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass des besser ist, die Geiztriebe direkt in die Erde zu setzen, denn dann müssen die sich nicht noch einmal umgewöhnen. In der Vase haben sie ja Wasser ohne Ende, und wenn die dann in die Erde kommen, müssen sie sich ein zweites Mal umgewöhnen. Vermutlich kostet das ne Menge Energie, und das bedeutet sicher, dass die wieder eine Entwicklungspause machen (müssen). Ergo lieber gleich direkt in die Erde stecken. Aber wie gesagt: Alles nur Bauchgefühl, ich teste das nochmal.

Wer sich zu diesem Thema nochmal als anderen Quellen informieren will, kann neben den hier verwendeten Begriffen (Tomaten vermehren, ausgeizen, bewurzeln, …) übrigens auch nach dem Begriff „Ableger“ suchen, darunter findet man auch einige hilfreiche Artikel.

Dass man Tomatengeiztriebe anwurzeln lassen kann und damit nochmal einen ganzen Schwung mehr Pflanzen bekommt, war für mich eine DER Lektionen des 2020er Gartenjahres. Das war ein richtiger game changer für mich. Probiert’s einfach mal aus – Ausgeizen ist geil! (c:

7 responses to “Wundersame Tomatenvermehrung, oder: Ausgeizen ist geil!”

  1. […] Dass man Tomaten über das Bewurzeln von Geiztrieben vermehren kann, war mir bis letztes Jahr komplett neu. Ich hatte beim Ausgeizen spontan die Idee, und es hat erstaunlich gut geklappt. Wir sprachen darüber, siehe hier. […]

  2. […] ausgegeizt und die Geiztriebe als Senker da reingesetzt. Das hatte ich 2020 das erste Mal probiert (wir sprachen darüber) und es hatte wunderbar geklappt: Ein paar Tage lang ließen die den Kopf hängen, aber dann […]

  3. […] zum Aussäen. Wen das interessiert: 2021 hab ich mich Mitte April dazu ausgelassen. Guckst du hier. Die Wurzelbildung kann man mit Weidenwasser fördern, dazu hab ich 2021 ausführlich […]

  4. […] habe ich schon erfolgreich gemacht (guckst du hier und hier) – beim Ausgeizen der Tomaten könnt ihr die kräftigsten Geiztriebe ruhig ne Weile […]

  5. […] die perfekte Größe zum Bewurzeln. Darüber hab ich 2021 mehrere Artikel geschrieben (guckst du hier und hier), und auch dieses Jahr kann ich mir das Steckling-Ziehen trotz über 100 vorgezogener […]

  6. […] hatte ich mehrfach was über’s Bewurzeln lassen von Geiztrieben geschrieben, inklusive Weidenwasser-Experiment (hier und hier). Damals habe ich die meisten […]

  7. […] Erde stecke und bewurzeln lasse. Wir sprachen darüber, langanhaltend und ausdauernd. Hier, hier, hier und hier. Beispielsweise. Aber danach, wenn die ersten Geiztriebe fleißig rumwurzeln, ab dann wird […]

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