
Die 3. Geschichte über die Anonymen Gärtner ist da. Hier Teil 1 und Teil 2, have fun.
Eigentlich wollte ich dieses Jahr viel mehr von dieser Truppe berichten, aber mir kam dieses „real life“ Phänomen dazwischen. Wiedermal. Wenn ich jemand wäre, der sich am 31.12. gute Vorsätze für die kommenden 365 Tage vornimmt, wäre „mehr AG-Geschichten schreiben“ einer davon. Da ich aber andauernd gute Vorsätze habe, bleiben die AG’s einfach in den Top 10 meiner to-do Liste, wie bisher. 😉
Ich wünsch‘ euch einen schönen, fröhlichen, besinnlichen und verletzungsfreien Jahreswechsel und eine freudvolle, produktive und schneckenarme 2026er Gartensaison!
Es ist der 30. Dezember
Zwischen Gänsebratenkoma und Jahresendstress treffen sich die Anonymen Gärtner zur offiziellen Sonderversammlung mit Restplätzchen und Schrottwichteln.
Der Gemeinschaftsraum riecht nach Zimt, Dörrobst und einem Hauch Heißleim.
Mandy bringt gebackene Möhren-Sterne mit. Doris steuert „Tomaten auf drei Arten“ bei: gedörrt, eingelegt und karamellisiert.
Karamellisiert? Das ist neu.
Jürgen verteilt Servietten mit selbstgemachtem Kartoffeldruck-Schnittlauchmotiv. „Herzlich willkommen. Wir feiern heute. So gärtnerisch und ruhig wie möglich.“
Alle nicken.
Tobias schiebt fahrig die großen Plastestüten unter seinen Stuhl und grummelt leise, mehr zu sich selbst: „Ich hab vergessen, was Ruhe ist.“
Fast jeder hat Tüten oder Kartons dabei. Natürlich für die Schrottwichtelgeschenke und das mitgebrachte Essen, aber jeder zweite scheint direkt vom Silvesterpartygroßeinkauf hierher zur Jahresendfeier gekommen zu sein.
Alle wirken unterschwellig angespannt.
Das Schrottwichteln beginnt wie immer nach Kaffee und Glühwein. Geschenkestapel featuring vorgetäuschte Überraschung und innerliche Panik.
Mandy bekommt eine selbstgebastelte Tüte mit Tomatensamen: Sibirische Birnchen, Mindesthaltbarkeitsdatum 2019. „Oh wie schön! Die hab ich noch nicht… über.“
Uwe zieht ein Päckchen mit zwölf Sorten Chili – acht davon in kyrillischer Schrift. Uwe reißt sich zusammen und schafft ein fast glaubhaftes Lächeln.
Doris erhält ein halbes Dutzend verschiedene samenfeste Radieschen, ordentlich versiegelt in 17 Lagen Frischhaltefolie. „Radieschen. Mein Lieblings… Kompromiss.“
Jürgen entpackt still eine Tüte Kürbissamen „Atlantic Superdupergiant“ und seufzt. „Ich hatte 42 Sorten. Jetzt sind’s 43.“
Alle lächeln höflich.
Alle sind ein bisschen verzweifelt.
Denn alle haben schon jetzt viel zu viel auf der 2026er Aussaatwunschliste.
Dann ist Daniel dran.
Er öffnet seinen Karton mit einer gewissen Feierlichkeit.
„Ich habe keinen Samen mitgebracht“, sagt er stolz.
Dann verteilt er kleine Schächtelchen, darin ein selbstgebautes …Objekt, das ein bisschen aussieht wie eine Monstergebiss aus Wäscheklammern.
„Jetzt habt ihr euren eigenen Brumminator.“
Stille.
Vorsichtiges Dranrumspielen.
Mandy murmelt leise: „Der vom Frühjahr…?“
Daniel hört das nicht. Daniel strahlt stolz.
„Vorne und hinten je fünf Wäscheklammern, dazwischen ein Eisstäbchen. Alles mit Heißkleber zusammengehalten. Und nummeriert – 1 bis 10. Damit kann man zehn Sorten gleichzeitig mit der Turbokeim-Methode behandeln!“
Ein kurzes Nicken geht durch die Runde.
Mandy schiebt sich eine Dörrtomate in den Mund und schnurpst.
Doris beginnt, unauffällig ihre bekommenen Schrottwichtelgeschenke zu zählen.
„Also, die Methode ist ganz einfach“, beginnt Daniel eifrig.
Jürgen schlägt sein Notizbuch auf.
„Ihr nehmt Küchenpapier, wickelt die Samen einzeln ein und taucht sie dann zehn Mal für je zehn Sekunden erst in kochend heißes Wasser, dann in eiskaltes.“
„Zehn Mal?“ fragt Jürgen.
„Zehn Mal heiß, dann zehn Mal kalt“, nickt Daniel ernst. „Dann in Ziploc-Beutel und bei 25 Grad lagern. Die ersten keimen nach 24 Stunden, der Rest folgt!“
„Wirklich faszinierend“, sagt Doris und nickt das exakt gleiche Nicken wie im Frühjahrsmeeting.
Daniel holt unter seinem Stuhl einen kleinen Schuhkarton vor, den jeder hier schon mehrfach gesehen hat. Alle wissen, was in den Ziplocs ist.
„Ich hab auch nochmal Baquieusaatgut dabei. Falls jemand noch keins hat.“
Jeder hat schon welches. Alle nehmen nochmal eins. Baquieusaatgut lehnt man nicht ab. Oder Jungpflanzen. Aber die kommen erst im Frühjahr, hoffentlich.
Gegen Ende verteilt Jürgen Pfefferminztee und verteilt den ausgedruckten Jahresrückblick in Tabellenform, es folgt die Abstimmung: Was war der tollste Beitrag 2025? Alle sind sich einig: Das Highlight kam von Jürgen, seine Forschungen zum Einfluss von Musik auf die Keimgeschwindigkeit bekommt die meisten Kreuze. Doris zeichnet ein Herzchen in das Kästchen und wird beim Zurückgeben des Zettels an Jürgen ein bisschen rot.
Draußen zünden verfrühte Böller.
Mandy sagt leise: „Ich hoffe, es knallt nicht wieder so.“
Uwe schnaubt. „Ich geh Silvester nicht raus. Letztes Jahr flog ne Rakete in meinen Bokashi. Hab ihn gestern abgedeckt.“
Doris nickt. „Meine Hühner waren noch tagelang traumatisiert.“
Tobias schweigt. Er schiebt seine beiden großen Plastetüten mit dem Fuß etwas weiter nach hinten, dabei wird der Inhalt kurz sichtbar. Man erkennt für einen Augenblick das knallbunte Logo auf der obersten Batterie: Novastorm Ultimate, darunter eine polnische Flagge. Keiner hat Lust auf eine Diskussion, daher gucken alle höflich weg.
Zum Abschied wünschen sich alle einen guten Rutsch und ein keimfreudiges neues Jahr.
„Ende Januar, wieder hier?“, fragt Jürgen. Alle nicken.
Daniel: „Ich bring dann die Weiterentwicklung vom Brumminator mit. Version 2.0. Mit 3D-gedrucktem Klappmechanismus.“
Doris hält im Ausspülen inne, starrt in ihren handgetöpferten Glühweinpot und murmelt – zum Glück viel zu leise – „Bitte nicht.“
P.S.: Die erste Geschichte der Anonymen Gärtner findet ihr hier, eine weitere da. Und dort Details zum Brumminator.
Ich wünsche euch ein frohes neues Gartenjahr.
Wir sehen uns dann im Januar.
Mit Listen.
Und Lampen.
Mit zu vielen Sorten.
Wie immer.
Eurer Daniel