Children of Berthold, oder: Salatsamen ernten.

Mach mysteriöse Titel, haben sie gesagt. Dann wirste berühmt, haben sie gesagt.

Einen Shice!

Die wenigsten Eingeweihten werden mit dem Titel dieses Artikels etwas anfangen können, also isser schonmal mysteriös. …ok, vielleicht auch nur wirr. Ansichtssache.

Aber vom heranziehenden Ruhm merke ich nachgerade nüscht.

Also, um das aufzuklären: Berthold war 2020 Samenspender im Brummschen Beet. Und ja: Das klingt jetzt weder seriöser noch aufklärerischer. Nochn Versuch, diesmal mit Nachnamen.

Darf ich vorstellen: Berthold, Berthold Baquieu.

Baquieu ist eine Salatsorte, die ich nach Marie Diederich’s wiederholter Schwärmerei ausprobieren musste. Ein Wintersalat, den man bspw. im September breitwürfig aussäen kann – dann bildet der einen regelrechten Teppich, und man hat den ganzen Winter über leckeres Grünzeuch. Klar, solche Salatköpfe werden das dann nicht, dafür musste ihn schon im zeitigen Frühjahr vorziehen…

Die Salaternte Mitte Mai 2020.

…aber mit vielen kleinen Babysalaten bekommste die Schüssel im Winter auch voll.

Übrigens, noch ein Kommentar zum obigen Foto: Ich ernte die Salate inzwischen nicht mehr so, d.h. ich ziehe die Salatköpfe nicht mehr komplett raus, sondern nehme immer nur die äußeren Blätter. Dann wächst der Salat wieder nach und ich kann die Woche drauf wieder ernten. So spare ich mir die ständige gestaffelte Aussaat und komme mit einem Dutzend Salatköpfen hin. Klar, irgendwann wenn’s so richtig heiß wird beginnt der dann zu schießen und bitter zu werden, aber vermutlich würde der gestaffelt ausgesäte Baquieu das in der Sommerhitze ebenfalls tun.

Aber zurück zu Berthold.

Hier ein Foto aus seinen Kindertagen. Berthold und seine Geschwister hatten’s wahrlich nicht leicht. Schwierige Kindheit und so. Klar, Schnecken und so… aber die kamen erst später. Gleich zu Beginn seines Lebens gab’s ganz andere Tiere zu überleben!

Warum fällt mir spontan „Eye of the Tiger“ ein?

Aber Berthold war zäh (ganz falsch, eigentlich voll zart!), und ein echter Survivor-Typ. Er wuchs, schoß, trotzte dabei den Schnecken und anderen Widrigkeiten und ging schließlich stolz in Blüte.

Wobei das „Blüten“ heißen muss, denn das waren richtig viele. Baquieusaatgut war 2020 richtig knapp, das bekam man streckenweise gar nicht mehr.

Vermutlich waren die Samen ihr Gewicht in Gold wert…

Wisst ihr was? Das wäre doch mal ne interessante Frage: Was wiegt ein so’n Samen? Ich hab leider keine so genaue Waage, aber die könnten tatsächlich ihr Gewicht in Gold wert sein! (c:

Nachtrag

OK, ich hab’s getan. Wozu hat man Excel? (c;

Manche Saatguthersteller geben das sogenannte „Tausendgrammgewicht“ an und wieviel Gramm Saatgut in einer Tüte sind, andere geben direkt, wieviele Körner drin sind. Das Ergebnis:

Gold ist immer noch ungefähr 5x wertvoller als Salatsamen. Aber: Salatsaatgut sind immerhin 14x mal wertvoller als Silber.

So, mit diesem Wissen könnt ihr auf der nächsten Party mächtig angeben! (c;

Eigentlich sollte hier Schluss sein mit dem Nachtrag, allein schon im Sinne der Niveauerhaltung. Aber das Ergebnis triggert den BWLer und VWLer in mir, und zwei kleine innere Stimmen krakeelen jetzt in meinem Kopf herum. Ich versuche sie zu ignorieren, aber da sind so ein paar Perlen der Weisheit dabei, die will ich euch nicht vorenthalten:

„Na siehste, Salat anbauen ist viel wirtschaftlicher als Gold oder Silber zu schürfen!“

Worauf ich entgegne: Salatgewinnung macht außerdem weniger Umweltschäden, blöder Homo Oeconomicus!

oder

„Wo finden wir jetze Leute, die Baquieusamen gegen Silbermünzen tauschen?“

Worauf ich entgegne: Halt die Klappe und iss deinen Salat!

So, jetzt ist aber Schluss. Die restlichen brummschen inneren Dialoge erspare ich euch. (c;

…ok, eine Abschweifung hab ich noch. Sogar ne halbwegs niveauvolle:

Die obige Rechnung hab ich heute (1.9.2021) Abend in einer Gartengruppe gepostet, und daraufhin wurde sinngemäß gefragt, ob ich mein Baquieusaatgut jetzt nur noch gegen Edelmetall abgeben würde. Ich hab also nicht als Einziger nen kleinen Homo Oeconomicus mitlaufen, scheint es.

Aber.

Das ist der perfekte Zeitpunkt, um von meinem gestrigen Saatgut-Tausch-Erlebnis zu berichten:

Letzte Woche bekam ich ne PN von einer Wurzelwerkerin, die zwei Sorten Saatgut wollte und mir im Gegenzug ne Liste mit ihrem Saatgut gab. Ich hab mir zwei interessante Sachen ausgesucht (Abessinischer Kohl und Heiliges Basilikum) und ihr mein Briefchen gepackt. Gestern war dann ein kleines Päckchen in der Post… und hat mich einmal komplett geflasht:

Neben meinen beiden Wünschen war dreimal „Bonussaatgut“ drin, jede Türte mit ganz ausführlicher und liebevoll geschriebener Beschreibung und Anleitung, außerdem ne Tüte Katzenfutter für die Miez und ne Tüte Gummibären für die Gartenzwerge. Mir kamen fast die Freudentränen!

Mal ehrlich: Sowas ist doch dausendmal besser als wenn dir jemand nen Wiener Philharmoniker in 999er AG schickt! ?

[Ende Nachtrag]

Natürlich konnte ich nicht alle Samen ernten, viele gingen abenteuerlustig auf Reisen. Sobald die Kartoffelzeile neben Berthold abgeerntet war, sprossen dort drölfzigdausend kleine Baquieus. Die sind auf dem Foto erst nen knappen Monat alt:

…neben den ebenso wild ausgesäten Mangoldsen.

Tja, und damit endet die Geschichte von Berthold. Oder besser: Das erste Kapitel.

17. Oktober 2020: Das letzte Update von Berthold, dem ehemals hoffnungsvollen Baquieu-Samenspender: Berthold ist tot. Er ist irgendwann in den letzten kalten Wochen friedlich eingeschlafen und verschieden. Friede seinem Kompost.

Suchbild: Finde den toten Salat… )c:

Ich hatte in der kalten Saison bis ins Frühjahr ne ganze Menge Saatgut an Baquieufans verschickt und hatte immer noch mehr als genug. Mehr noch: Ende März diesen Jahres, als es laaaangsam wärmer wurde und ich die Beete endlich mal säuberte, fand ich mehrere sehr vital aussehende Babysalate! (c:

Fast hätte ich beim Frühlingsroden die kleinen Baquieus übersehen.

Kommt mal näher ran…

Sieht das nicht lecker aus?

Einen Monat später, Ende April, stand für mich dann fest: Diese beiden hier, die an derselben Stelle wie Berthold wachsen, werden nicht verspachtelt, sondern wieder für die Saatgutgewinnung stehen gelassen:

April 2021: Children of Berthold

Also bekamen sie erst Berthold’s altes Namensschild, später ihr eigenes und durften bleiben. Mitte Juli standen sie ihrem Vater dann in nichts mehr nach:

Da dieses Jahr wettertechnisch… nunja… sagen wir mal anders ist, kam die Samenernte 2021 schon früher. Ich hab ne Weile lang versucht, täglich die reifen Samenkapseln abzuknipsen, aber das hälste nich lange durch. Irgendwann hab ich dann länger gewartet, aller paar Tage die vertrockneten Zweige abgeschnitten und vorsichtig in einen Fünflitereimer gestellt. Die konnten noch ein paar Wochen im Wohnzimmer austrocknen, und heute Abend hab ich alle Kapseln abgezuppelt:

Zwischenstand nach einer halben Stunde Fussel-Arbeit.

Als alle Kapseln abgeknibbelt waren, hab ich sie im Eimer mit den Händen zerrieben, damit die winzigen Samen rausfallen. Memo an future me: Mach das gefälligst draußen, das staubt wie Hulle!

Na jedenfalls hab ich jetzt dieses Gefussel hier:

Irgendwo in diesem Bild verstecken sich Baquieusamen.

Wenn man das Gefussel ein bisschen zur Seite schiebt, sieht’s schon saatgutiger aus:

Die länglichen schwarzen Bipusse, das sind die Samen.

Wie bekomme ich die jetzt von der Spreu getrennt? Mit dem feinen Küchensieb – und viel Geduld. Mehrfach aussieben und die größeren Teile zerreiben.

Und wofür machste dir jetzt so nen Aufwand, fragt ihr?

Na dafür! (c:

Gartensalat, Zitronensaft und brauner Zucker. Ich bin süchtig nach diesen Schüsseln!

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